VfB-(Weihnachts)-Geschichte
Wie stellt man sich eine Weihnachtsfeier vor? Entweder kommt der Nikolaus und Knecht Rupprecht, man singt winterliche oder weihnachtliche Lieder oder man lauscht einer Weihnachtsgeschichte. Ich habe mich für die Erzählung einer Weihnachtsgeschichte entschieden, eine Art Weihnachtsgeschichte, eigentlich ist es gar keine Weihnachtsgeschichte, eher eine über unsere sportliche Heimat, unseren VfB Waldshut.
Es ist vielleicht noch nicht allen bekannt, aber seit dieser Saison haben wir ja die komfortable Möglichkeit per Videozusammenschnitt im Internet auf unsere Spiele zurückzublicken. Youtube und Tommy Buschle sei gedankt. Möglicherweise werden unsere Nachfahren noch in 100 Jahren auf die Tore, Spiele und auf „der Trainer hat das letzte Wort“ zurückblicken, wenn wir lange nicht mehr da sind. So wie wir jetzt selbst kurz 100 Jahre zurückblicken.
Tommy Buschle verweist im Video-Abspann dann auf 109 Jahre Fußball am Hochrhein. Nächstes Jahr wird der VfB Waldshut 110 Jahre alt. Da gibt es einen reichen Fundus an Geschichte und Geschichten, denn es wurde in der Tat auch schon vor 100 Jahren Fußball gespielt hier beim VfB und offenbar waren die Spieler seinerzeit so jung und agil wie ihr heute – nur halt ohne Kunstrasen und ohne bunte Kickschuhe. Ein Chronist vermerkte zum 15-jährigen VfB-Jubiläum 1925 – übrigens noch ohne Youtube - über die Zeit nach dem 1. Weltkrieg von 1914-1918 folgendes über den Fußball im VfB:
In der ersten Zeit nach Kriegsende ruhte noch jeder Sportbetrieb. Man hörte in unserem Städtchen Waldshut von unserem Verein nichts mehr, während doch alle Vereine, waren es der Turnverein oder die Gesangvereine, wieder eifrig an ihr Werk zurückkehrten.
Der Krieg hat uns vor allen Dingen unseres schönen Platzes verlustig gemacht. Er war der Zwangswirtschaft unterworfen und auf unserem gewohnten Rasenplatz blühte der Weizen.
Einige Mitglieder versuchten den alten Platz wieder seiner einstigen Bestimmung zuzuführen, doch es zeigte sich, dass er uns durch Eigentümerwechsel für immer verloren war.
Vor dem Kriege gehörte die Wiese des Sportplatzes Herrn Wohlschlegel im Fahrhaus, einem Gönner unseres Vereins. Im Kriege ist der Platz an die Stadtverwaltung durch Kauf übergegangen und der neue Pächter zeigte für eine Abgabe an uns kein Verständnis.
Es musste daher wohl oder übel der Versuch gemacht werden, anderorts in Waldshut eine geeignete Spielstätte zu finden, aber alles Bemühen war umsonst. Unsere aus dem Kriege zurückgekehrten Spieler beschlossen daher, einstweilen dem FC Säckingen beizutreten, um im geeigneten Falle für eine Neubelebung unseres Spielbetriebs, vorbereitet und eintrainiert, für die alte Sache wieder einzutreten.
Den Bemühungen einiger weniger sportbegeisterter aus dem Felde zurückgekehrter Kriegsteilnehmer war es zu verdanken, dass mit dem Landwirt Ebner ein Vertrag über einen an der Straße nach Dogern gelegenen, schönen Platz abgeschlossen werden konnte. Die außerordentlich hohen Kosten wurden mit Mühe jeweils aufgebracht. Diese zu tragen war jedoch, trotzdem mit neuem Eifer aktive und passive Mitglieder für den Verein gewonnen wurden, auf die Dauer nicht möglich.
Nachdem einige schöne Spiele auf diesem Platz ausgeführt, auch die Gaumeisterschaft darauf errungen wurde, erfuhren anhaltende Verhandlungen mit der Stadt Waldshut sodann das Ergebnis, dass unten in der Bleiche ein schönes, am Rhein gelegenes Rasenfeld uns überlassen wurde. Es war erreicht! – dank eifrigster Arbeit dieser Wenigen.
Während wir in der Vorkriegszeit fast ausschließlich mit unseren benachbarten schweizer Fußballklubs sportlichen Verkehr übten, mussten wir nach dem Kriege durch die Schranken der Passordnungen diesen traditionellen Verkehr aufgeben.
Inzwischen war aber die Fußballbewegung in ganz Deutschland mächtig und stark geworden. Wir entschlossen uns dem Süddeutschen Fußballverbande beizutreten und wurden von diesem für die Verbandsspiele der C-Klasse eingeteilt.
Spielerisch haben wir uns rasch von der C- bis zur A-Klasse emporgearbeitet, und es ist nicht zu viel gesagt, dass wir am Oberrhein jeweils mit zu den Besten gehörten. Durch unsere anständige und faire Spielweise genießen wir allerorts großes Ansehen.
Was können wir für die besinnliche Weihnachtszeit aus dieser Geschichte mitnehmen?
Dass wir auch diese Weihnacht fernab von kriegerischen Auseinandersetzungen in Frieden leben mit unseren Lieben, unseren Freunden, unseren Fußballfreunden und
- auch ganz wichtig !! – unserem sportlichen Gegner und dem Schiedsrichter. Ohne die funktioniert nämlich der Fußball nicht.
Dass wir für unsere Fußballwelt eine komfortable Infrastruktur mit gar zwei Sportplätzen nutzen dürfen, die nicht für die Aufzucht von Weizen verwendet werden muss.
Dass wir keinerlei Beschränkungen unterliegen bei Freundschaftsspielen mit unseren schweizer Sportfreunden, gegen die wir im Februar 2020 drei Freundschaftsspiele bestreiten werden.
Dass wir gemeinsam in unserem geheizten Vereinsheim warm essen und kalt trinken können, schöne Stunden verleben und uns ob des Lebens erfreuen dürfen.
Und denkt daran: In 100 Jahren sind wir alle nicht mehr da. Da feiern andere. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass ihr feiert, wünsche euch allen einen schönen Abend und frohe und friedliche Weihnachten.